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Stefan Bruweleit: Der alte Marionettenmeister. Roman (Anfang des Romans).

 

 

 

Entscheidung. Das dazugehörige Verb lautet entscheiden, von dem wiederum entscheidend und entschieden abgeleitet sind. Was für Wortungetüme! Schon allein die sch-Laute möchten einer feinfühligen Natur eine Gänsehaut bereiten. sch wie in schießen oder Schuss, und auch mit zerstören sieht es kaum besser aus, auch wenn es sich hier mit einem einfachen s zu bemänteln versucht. Und dann muss man eine Entscheidung fällen, ganz so wie man einen Baum fällt und diesem damit alle Lebenskraft raubt. Hinzu kommt noch das Endgültige, das dem Wort Entscheidung anhaftet, wie auch das Diskriminierende, das man nur schwer davon trennen kann. Denn eine Entscheidung zu treffen oder – sprechen wir es ruhig aus! – zu fällen, bedeutet ja stets, dass eine Möglichkeit oder gleich mehrere, die ebenfalls ihr Recht auf Verwirklichung und Existenz geltend machen können, ganz einfach auf der Strecke bleiben.

Man kann also wohl mit Fug und Recht behaupten, dass es nur die rohesten Gesellen unter den Menschen sind, die an der Lautgestalt oder an der Bedeutung des Wortes Entscheidung irgendeinen Genuss finden können.

Zu diesem Personenkreis gehörte Bruno Issnich, der seit Jahren nun schon als Koch im Restaurant Löwenherz arbeitete, definitiv nicht.

Ob man Bruno einen Philosophen zu heißen hat, darüber wollen wir kein Urteil fällen. Er selber hat diese Bezeichnung jedenfalls nie für sich beansprucht. Aber seine Freunde, hätte es solche denn jemals gegeben, hätten gewiss gerne bestätigt, dass Bruno ein Mann von ganz erstaunlicher Gedankentiefe und Gedankenfülle war. Über das Schälen einer Kartoffel oder sonst einer seiner beruflichen Tätigkeiten konnte er mit einer Hingabe und Ausdauer grübeln, die Immanuel Kant vermutlich nicht einmal seinem Ding an sich gewidmet hatte. Doch müssen wir uns eingestehen, dass seinen Grübeleien zumeist etwas höchst Unbeständiges und Flatterhaftes eigen war und sie in der Regel irgendwo im Nichts endeten. An irgendeinem Punkt während seiner Grübelorgien gerieten seine Gedanken meistens durcheinander, stoben in alle Winde davon oder zerknäulten sich in einem heillosen Chaos, und stets blieb unser bedauernswerter Bruno nur noch verwirrter zurück, als er es ohnehin schon gewesen war.

Es dürfte nun nachvollziehbar sein, welches Grauen ihn befiel, wann immer es eine Entscheidung zu treffen galt. Die vorausgehenden Grübeleien machten Bruno regelmäßig so konfus, dass er bald schon nicht mehr wusste, worüber er eigentlich nachgrübelte und was er denn nun zu entscheiden hatte. Doch auch im Leben des Bruno Issnich gab es Fragen von solch großer, um nicht zu sagen: existenzieller Bedeutung, dass sie sich nicht zu Staub zergrübeln und dann einfach vergessen ließen. Von dieser Art war auch eine Frage, die seine Geisteskräfte ganz besonders erbarmungslos in Beschlag nahm und ihm über Wochen und Monate hinweg die wohlverdiente Nachtruhe raubte. Bruno war sich bewusst, dass es ein Ausweichen hier nicht geben könne, und so tat er in verzweifelter Kühnheit etwas, das er kaum jemals in seinem Leben gewagt hatte. Er besann sich ganz einfach auf das Althergebrachte und Altbewährte und hoffte, dass es sich auch bei ihm bewähren möge.

Bruno Issnich entschied, sich mit einem guten altmodischen Strick zu erhängen.

Große Ideen und Taten, so wurde ihm nach seinem Entschluss bewusst, zeichnen sich durch Klarheit und Einfachheit aus, und worin liegt größere Klarheit als in dem guten alten Erhängen? Kein überflüssiges Pathos, keine theatralischen Gesten, nur ein einfacher Strick.

Beschwingt, nun endlich eine passable Methode, seinem Dasein ein Ende zu bereiten, gefunden zu haben, machte er sich also ans Werk. Die eigene Wohnung schien ihm, bei aller Betonung der Einfachheit, doch etwas beengt für das geplante Vorhaben, und so gab er die eine und die andere noch zu erledigende Aufgabe vor, um nach Feierabend noch an seinem Arbeitsplatz in dem Restaurant bleiben zu können. Auch der gewünschte Ort war bald gefunden. Neben der Küche befand sich noch ein recht ausgedehnter Lagerraum, in dem unterschiedliche Lebensmittel aufbewahrt wurden. Schon vor geraumer Zeit war ihm dort eine massive Holzlatte aufgefallen, die scheinbar nutzlos auf einem der Regale lag. Nun also war ihm die Bestimmung jener Latte offenbart und er legte sie über zwei Regale, die etwa drei Meter voneinander entfernt standen. Allzu lang durfte er den Strick nicht wählen, denn von der Latte bis zum Boden waren es kaum mehr als drei Meter und, dies wurde Bruno auch ohne entsprechende Erfahrung klar, jeder Versuch, sich zu erhängen, musste zur Farce entarten, schleifte man dabei mit den Füßen über den Boden. Er befestigte den Strick also so, dass die Schlinge gut vierzig Zentimeter unter der Latte baumelte. Eine geraume Zeit stand er nun auf dem Tisch, den er zur Befestigung des Seiles herangezogen hatte, und begutachtete sein Werk. Er schien zufrieden. Nun griff er die Schlinge und legte sie, nicht übertrieben langsam, aber doch mit einer gewissen Feierlichkeit, um seinen Hals und zog sie zu. Einen Moment blickte er nachdenklich auf das Regal mit den Konserven an der Wand vor sich, dann steckte er den Zeigefinger zwischen die Schlinge und seinen Hals und versuchte, den unschönen Druck auf seinen Kehlkopf etwas zu mildern. Er schüttelte den Kopf und zog die Schlinge wieder auf. Nachdem er sich befreit hatte, stieg er von dem Tisch und ging in die direkt nebenan liegende Küche. Die Nasenspitze zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt, seine bevorzugte Grüblerpose, stand er da und ließ den Blick durch die Küche schweifen. Da entdeckte er einen Karton, in dem erst am Vortage ein Satz kostbarer Weingläser geliefert worden war. Die Gläser waren bereits weggeräumt, die Schaumstoffeinlage aber, durch die das wertvolle Gut beim Transport hatte geschützt werden sollen, war noch da. Er nahm die Einlage heraus, drückte den weichen Stoff einige Male mit fachmännischer Miene, dann nickte er, öffnete eine Schublade von seinem Arbeitstisch und entnahm dieser eine Schere. Mit dieser schnitt er dann einen gut zehn Zentimeter breiten und dreißig Zentimeter langen Streifen aus der Schaumstoffeinlage. Er befühlte den Stoff ein weiteres Mal und, ja, er schien zufrieden und nickte. Aus der Schublade suchte er nun noch eine Rolle mit Klebeband und eilte dann entschlossenen Schrittes in den Lagerraum zurück. Wieder auf dem Tisch angelangt riss er etwa einen halben Meter des Klebebandes von der Rolle ab, fasste den Schaumstoffstreifen ins Innere der Schlinge ein und befestigte ihn dann mit dem Klebeband an dieser. Hierauf legte er die Schlinge zum zweiten Mal an diesem Abend um seinen Hals und zog sie zu. Der Schaumstoff reichte zwar nicht um Hals und Nacken zusammen, aber zumindest der Kehlkopf war nun vor der unbequemen Härte des Seiles geschützt. Bruno zog die Schlinge noch ein Stück fester zu und nickte. Kein Zweifel, der Schaumstoff tat seine Wirkung.

Bei alle dem musste er sich, am Rande des Tisches stehend, ein gutes Stück vorbeugen, da das Seil recht kurz war. Er spürte, dass er hierbei beständig Gefahr lief, das Gleichgewicht zu verlieren und gleichsam vom Tisch zu stolpern. Ein solcher Abgang schien ihm nun doch ein sehr unwürdiges Ende des so würdevoll begonnenen Werkes, und er streifte das Seil wieder vom Hals. Einen Augenblick stand er unschlüssig da, bevor er das einzig Naheliegende tat, nämlich vom Tisch stieg und diesen ein Stück näher an das Seil rückte. Als er die Schlinge nun ein drittes Mal um den Hals legte, bemerkte er, dass er nun wohl problemlos auch mit der Schlinge um dem Hals stehen konnte, dass er jetzt aber mit den Beinen an die Tischkante stoßen würde, wenn er nach dem Absprung, wie zu erwarten stand, mit den Beinen vor und zurück baumeln würde. Es folgten einige Minuten, in denen er das Problem, mit dem er sich nun konfrontiert sah, ausgiebig durchgrübelte, dabei bisweilen den Kopf schüttelte, bisweilen mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken fuhr. Endlich nahm er die Schlinge erneut ab, stieg erneut vom Tisch, verrückte diesen erneut, nun allerdings vom Seil weg. Aus dem vorderen Teil des Lagerraumes holte er jetzt einen Schemel, stellte diesen direkt unter das Seil und bestieg ihn dann. Er reckte den Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen, schaffte es aber auch bei größter Anstrengung nicht, die Schlinge über das Kinn zu streifen. Also stieg er wieder hinab und versank in erneutes Grübeln. Er hätte nun einen Gegenstand, etwa einen Karton mit Konserven, unter den Schemel stellen können, doch wollte ihm eine solche Konstruktion als zu instabil erscheinen, und er befürchtete, sich durch einen Sturz das Genick zu brechen, bevor er den rettenden Strick erreicht haben würde. Also beförderte er den Schemel mit einem ungeduldigen Fußtritt zur Seite und begann erneut, den Tisch zu verrücken. Er versuchte nun, ihn genau in die Position zu befördern, dass er halbwegs bequem die Schlinge umlegen konnte, aber trotzdem noch genug Freiraum für die Beine hatte. Endlich glaubte er, die gewünschte Stelle erreicht zu haben, und stieg erneut und, wie er hoffte, zum letzten Mal auf den Tisch. In der Tat gelang es ihm nun, die Schlinge ohne großes Vorbeugen umzulegen, und auch der Raum vor dem Tisch schien ihm halbwegs hinreichend. Er durfte halt nicht zu schwungvoll abspringen, sodass sich die Pendelbewegung in Grenzen halten würde. So stand er nun also da, die Schlinge um den Hals und festgezogen, den Blick entrückt auf das Regal mit den Ananaskonserven gerichtet. Er sann noch über einige letzte Worte nach, geriet über die Frage, welche Art Ansprache für eine Zuhörerschaft aus Konservendosen und Zuckersäcken wohl die passendste sei, aber sogleich in die höchste Verwirrung und ließ den Gedanken ganz fahren.

Das Gefühl des schwerelosen Schwebens nach dem Absprung währte nur kurz. Auch die genüssliche Empfindung des langsamen Erstickens auszukosten, fand Bruno kaum Gelegenheit, als auch schon die Latte mit einem lauten Krachen brach und er mit reichlichem Gepolter auf dem Boden und dann noch mit dem Kopf an einem der Tischbeine aufschlug.

Trotz der Benommenheit, die er in seinem schmerzenden Kopf empfand, war er sich doch sofort des kläglichen Scheiterns seines Vorhabens bewusst, was ihn sogleich in die melancholischsten Grübeleien versinken ließ. An eine Wiederholung des Versuches war in dieser Stimmung nicht zu denken. Lange Zeit hatte er daran gedacht, es den römischen Feldherren gleichzutun, die sich nach verlorener Schlacht ins eigene Schwert zu stürzen pflegten. In Ermangelung eines Schwertes war er durchaus bereit gewesen, mit einem der Transchiermesser vorlieb zu nehmen, doch nun hatte auch dieser Gedanke jeden Reiz verloren. Er stellte alles wieder an seinen Platz, drückte die Latte an der Bruchstelle wieder zusammen und legte sie vorsichtig auf das Regal zurück. Dann verließ er seinen Arbeitsplatz, die Küche im Restaurant Löwenherz.

 

 

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