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Stefan Bruweleit: Der Doofe und der Galgen. Erzählungen und Kurzgeschichten

 

 

Inhalt

Der Doofe und der Galgen 7 – 98

Vales 99 – 135

Eben nur Herr Müller 136 – 169

Fatum 170 – 197

Im Hirn des Bösen 198 – 218

Der Gärtner 219 – 256

Der Rausch 257 – 269

Um 3 Uhr 270 – 276

Sankt-Bärbels-Tag 277 – 285

Eine vergessene Geschichte 286 – 307

Der Einflüsterer 308 – 326

Bettelheim 327 – 367

Gerbenius 368 – 435

 

Der Doofe und der Galgen, S. 33-39

 

Noch 12 Tage.

 

Die Sonne war durchgekommen. Heute Morgen hatte noch Bodennebel geherrscht. Sogar recht dichter. Man hätte nicht gedacht, dass es noch so schön werden würde, aber im Laufe des Vormittages hatte sich der Nebel dann recht schnell verzogen, und bald schon lugte auch die Sonne schüchtern durch die Wolkendecke. Sie schien noch unschlüssig, wagte sich dann aber immer öfter hervor und trieb die Wolkendecke schließlich ganz auseinander. Nun sah man nur noch hier und dort einige Wolkenfetzen, die nicht recht zu wissen schienen, was sie an dem blauen Himmel anstellen sollten. Fast konnte man meinen, es sei Sommer. Dabei war doch Oktober. Eine leichte Brise war aufgekommen und wirbelte die Blätter der Birken, die draußen vor der Mauer standen, in den Hof der Anlage. Sie wurden erfasst, ließen sich emporschleudern, willenlos, durch die Lüfte tragen, obwohl sie gewiss doch viel lieber einfach zu Boden gefallen wären, um am Abend, spätestens aber morgen früh aufgekehrt zu werden.

Seit etwa einer Minute saß der Doofe einfach da und starrte auf den Teller mit dem Spinat und dem Spiegelei. Irgendwie mochte er Spinat. Ohne dass er eigentlich hätte behaupten können, dass er ihm geschmeckt hätte. Zumindest nicht so richtig. Vermutlich war es die Farbe, die ihm gefiel. Ja, ganz bestimmt sogar war es die Farbe. Dieses satte Grün hatte etwas an sich, was ihn beruhigte. Auch wenn er sich nicht sagen konnte, worin dieses Etwas denn nun bestanden hätte. Der Blonde, der heute mit ihm am Mittagstisch saß, schien dagegen weder an der Farbe noch an dem Geschmack des Spinats irgendeinen Gefallen zu finden. Ebenso erging es dem Rothaarigen, der am Nebentisch rechts von ihnen saß. Reichlich lustlos und mit leidender Miene stocherten die beiden in dem Grünzeug herum und überwanden sich nur schwer, einen Happen davon in ihre Münder zu befördern. Mit einem Male stand der Lange am Tisch des Doofen. Er musterte erst ihn, dann den Blonden, ließ daraufhin den Blick auf seinen Teller, den er noch in Händen hielt, wandern und wirkte plötzlich sehr nachdenklich. Schließlich setzte er sich zu den beiden an den Tisch, machte aber keinerlei Anstalten, sein Essen anzurühren, sondern starrte es nur weiterhin mit nachdenklicher Miene an. »Also, irgendwie erinnert mich das Zeug ...«, begann er, hielt dann jedoch inne und schüttelte den Kopf.

»Woran erinnert Sie das Zeug?«, fragte der Blonde.

»Tja, wenn ich das nur wüsste«, erwiderte er und wirkte nun noch nachdenklicher. Da mit einem Male fuhr er mit dem Zeigefinger in die Höhe und stieß ein schrilles, meckerndes Lachen aus, das auch bis in den letzten Winkel des Speisesaales drang. Einige verwunderte Blicke wandten sich ihm zu. »Jetzt weiß ich, woran mich das Zeug erinnert!«, rief er aus. »Habe ich Ihnen schon die Sache mit der Kuh erzählt?«

»Mit was für einer Kuh?«, fragte der Alte, der am Nebentisch links von ihnen saß und erschrocken zusammengezuckt war, als er das meckernde Lachen gehört hatte. Wie alt genau er war, das wusste nicht einmal er selber, aber dass er schon sehr alt war, darin waren sich alle einig.

»Na, die Kuh von meinem Nachbarn doch«, sagte der Lange.

»Ihr Nachbar hat ´ne Kuh?«

»´ne ganze Herde.«

»Na was denn nun? Wollen Sie von der Kuh erzählen oder von der Herde? Sie machen mich ja ganz konfus.«

»Ich will von der Kuh erzählen, die zu einer Herde gehörte. Das ist doch wohl nicht so schwer«, versetzte der Lange und schüttelte den Kopf. »Also, mein Nachbar, der hatte eine Kuhherde, die war im Sommer auf der Weide, im Winter aber, wenn es kalt wurde, da wurden die Kühe in den Stall gebracht, wo es schön warm war. Die Kühe waren so nebeneinander angekettet und hinter denen war noch so ein schmaler Gang, auf dem man entlanggehen konnte, wenn man sie melken wollte. Ja, und ich, ich bin regelmäßig zu dem Bauern gegangen, als ich noch klein war, zum Spielen und um beim Melken zuzusehen und all solche Sachen. Der Bauer wurde immer fuchsteufelswild, wenn ich auf den Gang hinter den Kühen gegangen bin. Er hat gesagt, das wäre zu gefährlich, weil die Kühe austreten könnten, und wenn ich so einen Tritt abbekommen würde, dann wäre ich gleich hinüber.«

»Die Kühe könnten austreten?«, fragte der Alte.

»Ganz recht, die Kühe könnten austreten.«

»Seit wann können Kühe denn austreten?«

»Ja, was weiß denn ich, seit wann Kühe austreten können«, versetzte der Lange, der wegen der erneuten Unterbrechung nun etwas ungeduldig zu werden schien.

»Pferde können wohl austreten, aber ich habe noch nie gesehen, dass eine Kuh ausgetreten hat«, beharrte der Alte und schüttelte unwillig das schneeweiße Haupt.

»Pferde können nicht nur austreten, die können sogar kotzen, wenn ihnen danach zumute ist. Warum soll dann wohl eine Kuh nicht austreten können, wenn sie schlechte Laune hat!«, entgegnete der Lange.

»Weil sie kein Pferd ist!«

»Kühe schlagen zwar nicht so häufig aus wie Pferde, aber von Zeit zu Zeit kann das schon einmal vorkommen«, versuchte nun der Blonde zu schlichten, und seine Autorität in Kuhfragen wagte niemand in Zweifel zu stellen, denn er war früher ein sehr tüchtiger Landwirt gewesen.

»Sehen Sie!«, sagte der Lange und warf dem Alten einen triumphierenden Blick zu. Dieser schüttelte verärgert den Kopf und hieb mit seiner Gabel auf den Spinat ein.

»Also, der Bauer hat gesagt, ich soll mich nicht hinter den Kühen herumtreiben, aber ich hatte natürlich meinen eigenen Kopf. Was hat es mich interessiert, was der da erzählt. Ich strolche da also lustig auf dem Gang herum, und da mit einem Male fängt doch eine der Kühe an zu husten ...«

»Sie hustet?«

»Jetzt unterbrechen Sie mich doch nicht schon wieder! Ja, die Kuh, hinter der ich gerade stehe, fängt plötzlich an zu husten und gleichzeitig kackt sie wie wild darauf los! Wie aus ´ner Kanone geschossen kommt die Kacke da aus ihrem Hintern, und wohin fliegt sie? Natürlich mir direkt in die Fresse!« Und ein weiteres Mal schallte sein meckerndes Lachen durch den Saal, länger und schriller noch als beim ersten Mal. »Können Sie sich das vorstellen? Über einen Meter ist das Zeug geflogen mir direkt in die Fresse!«

Die Falten des Alten aber gruben sich noch etwas tiefer in dessen Stirn, als er den Langen nun aus misstrauischen Augen musterte. »Hatte das Vieh denn Blähungen?«

»Wieso denn Blähungen?«

»Na, wenn die Kacke so weit geflogen sein soll.«

»Ich hab´ doch gesagt, dass die Kuh gehustet hat.« Der Lange schüttelte den Kopf.

»Aber wie soll die kacken und gleichzeitig husten? Das geht doch gar nicht!« Der Alte wirkte nun geradezu erzürnt.

»Natürlich geht das!«, beharrte der Lange. »Ich hab´ das Zeug doch wohl selber in die Fresse gekriegt.«

»Das geht doch nie im Leben«, widersprach der Alte und blickte den Blonden an. Dieser fühlte sich sichtlich unwohl in der Rolle des Richters, wiegte sich einige Male hin und her und ließ schließlich vernehmen, unter gewissen Umständen sei es schon möglich, dass eine Kuh gleichzeitig huste und kacke, was dann zu einer nicht unbeträchtlichen Beschleunigung des Geschosses führen könne, worauf der Lange dem Alten einen weiteren triumphierenden Blick zuwarf.

Ein Trenchcoat ging die Fensterreihe entlang, ging von hinten auf den Rothaarigen zu und blieb dann stehen. Der Alte schnaufte und schüttelte verärgert den Kopf, während der Trenchcoat etwas aus der Innentasche seines Mantels zog und schoss. Der Rothaarige fiel vornüber mit dem Gesicht in seinen Spinat, schaffte es dann aber doch noch, sich mit den Armen auf der Tischplatte abzustützen und den Kopf wieder ein Stück zu heben. »So ´n Blödsinn. Und ´nen ganzen Meter soll es dann auch noch geflogen sein«, murmelte der Alte, während der Trenchcoat sich auf demselben Weg, auf dem er gekommen war, wieder entfernte. Nun war ein leises Pfeifgeräusch zu hören, wenn der Rothaarige atmete. Durchschuss. Ja, offensichtlich hatte die Kugel den rechten Lungenflügel durchschlagen und war dann in die Tischplatte gedrungen. Der Einschuss neben dem Teller war eindeutig zu erkennen.

»Und ob sie gehustet hat. Und ´nen Meter ist das Zeug geflogen«, sagte der Lange, den Blick nun auf seinen Teller gerichtet.

Gnadentod nannte man das hier. Dieser wurde nur gewährt, wenn mildernde Umstände vorlagen. Eine Kugel von hinten, ohne dass man vorher etwas geahnt hätte. Anders sah es bei den Galgenvögeln aus. Bei diesen gab es keine mildernden Umstände, keine gnädige Kugel aus dem Hinterhalt, sondern den Strick. Wie bei dem Doofen. 12 Tage hatte er noch. Oder genauer: 11 Tage, 21 Stunden und 50 Minuten oder eben 1760 Minuten. Es war jetzt 12:10 Uhr, die Hinrichtungen am Galgen fanden traditionell um 10 Uhr morgens statt.

Inzwischen waren auch die Männer in den blauen Overalls zur Stelle und machten sich an dem Rothaarigen zu schaffen. Der eine zwickte ihm in die Nase, der andere hielt das Ohr an die Schusswunde und lauschte, ob noch etwas pfeife. Das war anscheinend nicht der Fall, denn sie nickten einander zu und schleiften den Rothaarigen dann aus dem Speisesaal.

Der Lange starrte nach wie vor auf seinen Spinat, der noch immer so grün und unberührt auf seinem Teller lag wie zuvor.

»Ist doch alles blanker Unsinn. Das glaub´ ich nie im Leben«, sagte der Alte und warf die Gabel neben seinen Teller. Der Appetit schien ihm vergangen.

 

 

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